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Dialektologisches Informationssystem für Bayerisch-Schwaben (DIBS)

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Wozu die wissenschaftliche Beschäftigung mit Dialektwörtern?

Wenn man einem Menschen begegnet, ihn kennenlernen will, achtet man auf sein Aussehen, seine Kleidung, die Dinge, mit denen er sich umgibt, sein Verhalten, seine Gebärden, in allererster Linie aber auf seine Sprache, darauf, was und wie er etwas sagt. Über seine Sprache „verorten“ wir einen Menschen, sie verrät seine Herkunft, seine Heimat.

Über sein Sprechen erfahren wir, was er denkt und fühlt, ja die ganze Welt, in der er lebt und zuhause ist. Die Sprache ist das Medium, in und mit dem wir denken, fühlen, planen, erinnern, traurig oder zuversichtlich sind, in ihr formt und äußert sich unser Weltbild. Deshalb ist sie sowohl Gestalterin als auch Abbild unserer gesamten menschlichen Identität.

Da Sprache in dieser umfassenden Weise unser Menschsein, unsere gesamte Identität ausmacht, interessieren wir uns für unsere Sprache, aber auch diejenige unserer Nachbarn und für die Sprachen der uns begegnenden Fremden.

Die Sprache, in der wir zuhause sind, ist jene, die wir als erste von unseren Eltern erworben haben. Für viele von uns ist die „Muttersprache“ noch immer der Dialekt oder zumindest eine mehr oder weniger regional geprägte Sprachform. Sie ist es, die unsere Identität ausmacht und nicht etwa eine quasi als „Zweitsprache“ erworbene Form des Standard­deutschen. (Auch dieses existiert in ihren tatsächlichen Realisierungen nur in regionalen Ausprägungen, eine rein überregionale Form ist Fiktion.)

Interesse an unserer Sprache heißt: Wir möchten wissen, welche Bedeutungen unsere Wörter haben, in welchen Redewendungen, Sprüchen und Sprichwörtern sie vorkommen, welche sachlichen, volkskundlichen etc. Zusammenhänge sie verraten, über welche Bräuche sie Auskunft geben. Wir möchten auch die Geschichte eines Wortes kennenlernen, erfahren, woher es kommt. Ist es ein altes germanisches Wort oder haben wir es in späterer Zeit aus einer anderen Sprache entlehnt? Auch seine geographische Verbreitung interessiert uns; wo kommt es überhaupt vor und welche unterschiedlichen Bedeutungen hat es in welchen Regionen? In welchen unterschiedlichen Lautungen kommt es vor?

Wie alles Lebendige, so ist auch Sprache der Veränderung in der Zeit, dem Wandel ausgesetzt. Die Veränderungen in der Gesellschaft, in der Arbeits- und Lebenswelt tun das ihre dazu. So arbeitet der moderne Bauer nicht mehr mit Holzpflug und Leiterwagen, Sichel, Sense und Rechen, die Hausfrau bäckt nicht mehr selbst das Brot, man stellt nicht mehr selbst sein Leinen her, man wäscht seine Kleidung nicht mehr mit der Hand. Bräuche und Feste, die täglichen Gewohnheiten am Feierabend ändern sich. Diese Veränderungen spiegeln sich im Wandel der Sprache und ihrer Wörter. Wie die aus der Mode gekommenen Dinge und damit quasi unsere Geschichte, unsere Herkunft, in einem Heimatmuseum dokumentiert und aufbewahrt werden, so dient DIBS auch als Museum für Wörter.

Die wissenschaftliche Bearbeitung der Wortschätze ist Grundlagenforschung. Wörterbücher etwa sind Grundlagenwerke, die Material für weitere, angewandte Forschung zur Verfügung stellen. Es sind Nachschlage- und Forschungsmittel nicht nur für Sprachwissenschaftler, vor allem Sprachhistoriker (die Geschichte des Deutschen ist im Wesentlichen die Geschichte der deutschen Dialekte), sondern auch für zahlreiche andere Forschungsrichtungen. So brauchen z.B. Historiker oder Juristen Mundartwörterbücher, um alte Quellen und Urkunden, die ja in der entsprechenden Regionalsprache bzw. einer mundartnahen Schreibsprache geschrieben sind, verstehen zu können. Denn in früheren Jahrhunderten gab es keine gemeinsame Hochsprache, keine Norm, keinen Duden, an dem sich die Schreiber oder Drucker orientieren konnten. Die Dialekte haben diese unterschiedlichen Formen, Bedeutungen und Verwendungen vielfach bewahrt.

Aber nicht nur für historisch ausgerichtete Bereiche sind unsere Grundlagenwerke wichtig. So sind Dialektwörterbücher z.B. für das Bundeskriminalamt wichtige Hilfsmittel für die Erstellung von Verbrecherprofilen aus sehr häufig hinterlassenen sprachlichen Spuren. Auch Kulturwissenschaftler, z.B. Volkskundler und Museologen, die für ihre Forschungen oder Ausstellungen sachkundliche Informationen brauchen, finden reichlich Material im Wörterbuch, ebenso wie alle an Heimat- und Sachkunde Interessierten.